Der Ölmarkt hat am Donnerstag, 22. Oktober 2026, einen kräftigen Sprung nach oben gemacht. Die Nordseesorte Brent schloss an der ICE in London bei 113,17 US-Dollar je Barrel, ein Plus von 4,35 Dollar oder 4,0 Prozent. Das ist der höchste Stand seit Mai. Die US-Sorte WTI zur Lieferung im Dezember stieg um 2,32 Dollar auf 99,47 Dollar und liegt damit nur knapp unter der Marke von 100 Dollar.
Auslöser sind neue Angriffe der jemenitischen Huthi-Miliz auf Ziele in Saudi-Arabien. Für Trader ist die Bewegung aus zwei Gründen wichtig: Sie verteuert Energie unmittelbar, und sie heizt wenige Tage vor der Fed-Sitzung die Debatte über Inflation und Zinsen erneut an.
Was hinter dem Preissprung steckt
Ein Militärsprecher der Huthis erklärte, die Gruppe habe innerhalb von 48 Stunden vier größere Operationen tief im saudischen Staatsgebiet mit ballistischen Raketen und Drohnen ausgeführt. Als Ziele nannte er unter anderem das Verteidigungsministerium in Riad und den internationalen Flughafen King Fahd in Dammam. Diese Angaben stammen von den Huthis selbst und sind nicht unabhängig bestätigt.
Wie ernst die Lage eingeschätzt wird, zeigen die Reaktionen vor Ort. Saudi Aramco hat Beschäftigte aus seiner Konzernzentrale in Dhahran evakuiert. Laut dem Branchendienst Oilprice.com haben die USA zudem nicht dringend benötigtes Personal angewiesen, Saudi-Arabien zu verlassen. Parallel dazu häufen sich Angriffe auf Schiffe in der Straße von Hormus, durch die ein großer Teil der weltweiten Ölexporte läuft.
Bereits im Handelsverlauf hatte Brent um 2,2 Prozent auf 111,24 Dollar zugelegt. Zum Settlement beschleunigte sich der Anstieg dann deutlich.
Risikoprämie statt tatsächlicher Ausfälle
Bemerkenswert ist, dass die Lieferungen aus der Region bislang weitgehend weiterlaufen. Morgan Stanley schätzt die Rohölexporte aus dem Nahen Osten in der vergangenen Woche auf rund 17 Millionen Barrel pro Tag. Vor dem Konflikt lag der Zwölfmonatsdurchschnitt bei etwa 18 Millionen Barrel.
Der Markt preist also vor allem das Risiko künftiger Störungen ein. Tamas Varga vom Ölmakler PVM brachte es auf den Punkt: Berichte über Exporte oberhalb des Vorkriegsniveaus würden durch die Angriffe auf Schiffe in der Straße von Hormus und die Huthi-Schläge gegen Saudi-Arabien und seine Ölinfrastruktur mehr als aufgewogen. Eine Entspannung erwartet Varga nicht vor den US-Zwischenwahlen am 3. November.
Auch diplomatisch gibt es wenig Rückenwind. Irans Außenminister Abbas Araghchi erklärte, man habe keinerlei Vertrauen in den erklärten Friedenswillen der US-Regierung.
Wer profitiert und wer leidet
Die Folgen des teuren Öls sind an den Märkten unterschiedlich verteilt. Raffinerien gehören aktuell zu den Gewinnern. Der US-Konzern Valero meldete für das dritte Quartal Rekordgewinne im Raffineriegeschäft, weil die Störungen im Nahen Osten die Verarbeitungsmargen nach oben getrieben haben.
Am deutschen Aktienmarkt überwog dagegen die Vorsicht. Der DAX schloss am 22. Oktober 1,07 Prozent tiefer bei 25.371,75 Punkten, der MDax verlor 1,84 Prozent. Hauptbelastung waren zwar die Quartalsberichte großer US-Technologiekonzerne, der Ölpreisanstieg kam aber als zusätzlicher Unsicherheitsfaktor hinzu. Energieintensive Branchen und Verkehrswerte reagieren auf solche Preisschübe erfahrungsgemäß empfindlich.
Ölpreis und Fed: Der Zinsfaktor
Für viele Marktteilnehmer ist der Blick auf die US-Notenbank mindestens so wichtig wie der Blick auf die Golfregion. Die Fed tagt am 27. und 28. Oktober. Ein Ölpreis von über 110 Dollar erschwert der Notenbank die Rückkehr zu niedrigerer Inflation, weil Energie direkt in die Verbraucherpreise einfließt.
An der Prognoseplattform Polymarket lag die Wahrscheinlichkeit für unveränderte Leitzinsen zuletzt bei 87,5 Prozent, für eine Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte bei 12,5 Prozent. Steigt der Ölpreis weiter, dürften Zinserhöhungsspekulationen wieder mehr Gewicht bekommen. Das betrifft nicht nur Anleihen, sondern auch Gold, den US-Dollar und wachstumsstarke Technologiewerte. Die genauen Termine der Fed-Entscheidung und weiterer Inflationsdaten finden Sie im Wirtschaftskalender.
Worauf Trader jetzt achten
Kurzfristig bleibt der Ölpreis stark nachrichtengetrieben. Neue Angriffe, Meldungen über beschädigte Förderanlagen oder Fortschritte bei diplomatischen Gesprächen können innerhalb weniger Minuten große Ausschläge auslösen. Bei WTI rückt die psychologisch wichtige Marke von 100 Dollar in den Fokus, bei Brent das Mai-Hoch.
Interessant ist auch die Haltung der Förderländer. Wie die OPEC+ zuletzt ihre Mengen für November festgelegt hat, lesen Sie in unserem Artikel zu den OPEC+-Förderzielen und Aramcos Preissenkung für Asien. Wie stark spekulative Anleger bereits auf steigende Preise setzen, zeigen die wöchentlichen COT-Daten der US-Terminmarktaufsicht CFTC.
Wer Rohstoffe wie Öl über CFDs oder Futures handelt, sollte die erhöhte Volatilität im Risikomanagement berücksichtigen. Hebelprodukte können bei schnellen Bewegungen zu hohen Verlusten führen. Einen Überblick über regulierte Anbieter bietet unsere Broker-Topliste. Ihre Einschätzung zur Lage am Ölmarkt können Sie im Traden.de Trading-Forum mit anderen Tradern teilen.









