Die Europäische Zentralbank hat am Donnerstag, 29. Oktober 2026, die Leitzinsen unverändert gelassen. Der Einlagensatz bleibt bei 2,50 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,65 Prozent und die Spitzenrefinanzierungsfazilität bei 2,90 Prozent. Die eigentliche Schlagzeile kam aber erst auf der Pressekonferenz: Christine Lagarde verlässt die EZB vorzeitig. Sie will ihr Amt am 7. Februar 2027 abgeben, rund neun Monate vor dem regulären Ende ihrer Amtszeit im Oktober 2027.
Für Trader treffen damit zwei Themen aufeinander. Kurzfristig geht es um die Frage, ob die EZB im Dezember erneut erhöht. Mittelfristig rückt die Nachfolge an der Spitze der wichtigsten Notenbank Europas in den Fokus.
Die Zinsentscheidung im Überblick
Nach zwei Zinserhöhungen seit dem Anstieg der Energiepreise legt der EZB-Rat eine Pause ein. Im offiziellen Statement beschreibt die Notenbank eine Lage mit gegenläufigen Kräften:
Energiepreise: Sie sind weiter gestiegen. Das erhöht laut EZB die Risiken für die Inflation und belastet gleichzeitig die Wachstumsaussichten.
Unterliegende Inflation: Sie ist bislang weitgehend stabil geblieben.
Finanzierungsbedingungen: Sie haben sich verschärft und dürften Konjunktur und Preisauftrieb dämpfen.
Ausblick: Der Kurs wird datenabhängig von Sitzung zu Sitzung festgelegt. Einen vorab festgelegten Zinspfad gibt es nicht.
Zur Einordnung: Die Inflation im Euroraum lag im September bei 3,8 Prozent und damit fast doppelt so hoch wie das Ziel von 2 Prozent. Die Energiepreise lagen um 18,9 Prozent über dem Vorjahr.
Lagarde: Dezember-Erhöhung bleibt im Spiel
Ganz so ruhig, wie die unveränderten Sätze vermuten lassen, war die Sitzung nicht. Lagarde berichtete, der Rat habe ernsthaft darüber diskutiert, ob eine Erhöhung schon jetzt angemessen sei. Die Richtung sei „ziemlich klar", sofern es keine größeren neuen Entwicklungen gebe. Am Markt wurde das als Signal für einen weiteren Zinsschritt im Dezember gelesen. Die Geldmärkte preisen dafür eine Wahrscheinlichkeit von über 80 Prozent ein.
Auch Bundesbank-Präsident Joachim Nagel deutete weitere Erhöhungen an. Lagarde mahnte zudem Staaten mit hoher Verschuldung, sich auf höhere Zinsen einzustellen und die Haushaltsregeln einzuhalten. Ohne Frankreich zu nennen, bildete der Anstieg der französischen Renditen den Hintergrund: Die zehnjährige Anleihe rentiert über 5 Prozent.
Damit liegt die EZB auf einer ähnlichen Linie wie die US-Notenbank. Die Fed hatte am 28. Oktober ebenfalls pausiert, allerdings mit zwei Gegenstimmen für eine Erhöhung. Details dazu stehen in unserem Artikel zum Fed-Zinsentscheid im Oktober.
Lagardes vorzeitiger Abschied
Lagarde informierte den EZB-Rat und den Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa, über ihren Schritt. Zur Begründung sagte sie, sie könne nicht neutral bleiben. Neutralität sei der Preis für die Unabhängigkeit einer Zentralbank. Sie wolle sich künftig freier zu Themen jenseits der Geldpolitik äußern, auch zur politischen Lage in ihrem Heimatland Frankreich.
Ganz überraschend kam der Schritt nicht. Bereits im Februar 2026 hatte die Financial Times berichtet, Lagarde erwäge einen früheren Abgang vor der französischen Präsidentschaftswahl 2027.
Wer folgt auf Lagarde?
Die Nachfolge wird vom Europäischen Rat nach dem Verfahren aus Artikel 283 des EU-Vertrags bestimmt. Ein Name steht noch nicht fest. In Medienberichten werden vor allem diese Kandidaten genannt:
Klaas Knot, früherer Präsident der niederländischen Notenbank
Pablo Hernández de Cos, Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und früherer Gouverneur der spanischen Notenbank
Joachim Nagel, Präsident der Bundesbank
Hinzu kommt ein größerer Umbau im Direktorium. Isabel Schnabel wechselt im Januar 2027 zum Internationalen Währungsfonds, die Amtszeit von Chefökonom Philip Lane endet im Juni 2027. Die EZB steht damit vor einem personellen Umbruch in einer Phase erhöhter Inflation.
So reagierten die Märkte
Am Devisenmarkt sorgte die Kombination aus Zinspause und Führungswechsel zunächst für Druck auf den Euro. EUR/USD fiel auf ein 17-Monats-Tief knapp über 1,11 US-Dollar. Nach Lagardes Hinweis auf eine mögliche Dezember-Erhöhung erholte sich das Paar wieder auf knapp unter 1,12 US-Dollar.
Bei den Aktien überwog die Erleichterung. Der DAX stieg am 29. Oktober um rund 1,3 Prozent auf gut 26.000 Punkte, europäische Aktien erreichten ein Sieben-Wochen-Hoch.
Worauf Trader jetzt achten sollten
Für die kommenden Tage stehen mehrere Termine im Wirtschaftskalender, die den Dezember-Kurs der EZB beeinflussen können:
30. Oktober, 11:00 Uhr MEZ: Erste Schätzung des BIP im Euroraum für das dritte Quartal. Erwartet wird ein Wachstum von 0,2 Prozent nach 0,6 Prozent im Vorquartal.
4. November, 11:00 Uhr MEZ: Schnellschätzung der Inflation im Euroraum für Oktober.
17. Dezember: Nächste geldpolitische Sitzung der EZB.
Fällt die Inflation erneut hoch aus, dürfte die Erwartung einer Dezember-Erhöhung weiter gestützt werden. Ein schwaches BIP könnte dagegen die Sorge vor einer Stagflation verstärken. Für EUR/USD wird zudem die Nachfolgedebatte wichtig. Ein als besonders falkenhaft geltender Kandidat würde anders bewertet als eine Lösung, die eher auf Kontinuität setzt.
Wer die Positionierung großer Marktteilnehmer im Euro verfolgen will, findet Hinweise in den COT-Daten. Einen Überblick über die Zentralbankwoche mit Fed, EZB und Bank of Japan bietet unsere Vorschau zur Zentralbank-Superwoche.
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