Die Feierstimmung nach den US-Midterms hat an der Wall Street genau einen Tag gehalten. Am Donnerstag, 5. November, erfasste eine heftige Verkaufswelle alle Werte rund um Künstliche Intelligenz und Rechenzentren. Der Nasdaq Composite brach um 5,52 Prozent ein und rutschte damit in eine Korrektur. Der S&P 500 verlor 4,36 Prozent, so viel wie seit dem Zollschock im April 2025 nicht mehr. Die Gewinne der Rally vom Mittwoch sind damit mehr als ausradiert.
Die Zahlen vom 5. November im Überblick
Der S&P 500 schloss bei 7.353,73 Punkten, ein Minus von knapp 335 Punkten. Der Dow Jones fiel um 1.833 Punkte oder 3,44 Prozent auf 51.523 Punkte. Der Nasdaq Composite gab um rund 1.422 Punkte auf 24.315 Zähler nach, der Russell 2000 verlor 4,4 Prozent und notiert ebenfalls im Korrekturbereich.
Noch drastischer fiel die Bewegung im Halbleitersektor aus. Der Philadelphia Semiconductor Index verlor mehr als 12 Prozent, der iShares Semiconductor ETF erlebte seinen schwächsten Tag seit März 2020. Das Angstbarometer VIX stieg zeitweise über 28 Punkte und damit auf den höchsten Stand seit Ende März. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen gab leicht auf rund 4,84 Prozent nach, der Ölpreis stabilisierte sich nach dem Einbruch vom Vortag.
Chipwerte im freien Fall
Nvidia, AMD und Micron mit massiven Verlusten
Nvidia verlor 9,26 Prozent. Noch härter traf es Werte, die 2026 besonders stark gelaufen waren. Micron und AMD brachen jeweils zweistellig ein, ebenso Marvell, Broadcom und Intel. Für AMD ist das ein abrupter Stimmungswechsel: Erst zwei Tage zuvor hatte der Konzern ein Rekordquartal mit starkem Rechenzentrumsgeschäft gemeldet. Konzernchefin Lisa Su nannte die Marktreaktion laut Yahoo Finance „ein wenig kurzsichtig“.
Rechenzentrumsbetreiber und Tesla ebenfalls unter Druck
Auch Betreiber von Rechenzentren wie IREN, Applied Digital und Nebius Group verloren jeweils mehr als 14 Prozent. Tesla gab um rund 10 Prozent nach, SpaceX um etwa 9 Prozent. Bei den großen Plattformkonzernen fielen die Verluste moderater aus: Meta verlor knapp 4 Prozent, Amazon und Alphabet jeweils gut 2 Prozent. Wie breit der Abverkauf über die Sektoren lief, zeigt ein Blick auf die Heatmap.
Warum die Midterms den KI-Handel treffen
Am Mittwoch hatte der Markt den klaren Sieg der Demokraten in beiden Kammern des Kongresses noch als Ende der Unsicherheit gefeiert, der Dow legte mehr als 3 Prozent zu. Schon an diesem Tag waren KI-Werte allerdings schwächer. Am Donnerstag setzte sich diese Lesart dann voll durch.
Hintergrund sind die stark gestiegenen Strompreise in vielen US-Bundesstaaten. Der Energiehunger neuer Rechenzentren war im Wahlkampf ein Thema, einzelne demokratische Politiker forderten sogar einen Baustopp. Laut Reuters fürchten Investoren nun einen politischen Gegenwind gegen den Ausbau der Rechenzentren. Strategen der UBS schätzen, dass rund 30 Prozent der für 2028 erwarteten neuen Rechenzentrumskapazität gefährdet sein könnten.
Jakub Rochlitz, Analyst bei eToro, fasst die Stimmung so zusammen: Der Markt gehe davon aus, dass der Ausbau der KI-Infrastruktur langsamer und teurer werde. Hinzu kamen Gewinnmitnahmen. Viele Hedgefonds hatten in den KI-Gewinnern des Jahres große Positionen aufgebaut und nutzten den Anlass zum Ausstieg. Auch Privatanleger verkauften laut Yahoo Finance in einem Umfang wie zuletzt im März 2020.
Einordnung: Korrektur oder Trendwende?
Ein einzelner Crashtag sagt noch wenig über die mittelfristige Richtung aus. Der S&P 500 liegt seit Jahresbeginn trotz des Einbruchs weiterhin rund 7 Prozent im Plus. Entscheidend wird, ob aus der politischen Sorge konkrete Gesetzesinitiativen werden. Der neue Kongress tritt erst im Januar zusammen, bis dahin bleibt vieles Spekulation.
Gleichzeitig zeigt der Tag, wie konzentriert der Markt auf das KI-Thema ausgerichtet ist. Wenn ein Sektor, der einen großen Teil der Jahresgewinne getragen hat, auf einen Schlag neu bewertet wird, reißt er die großen Indizes mit. Auffällig: Einzelwerte mit überzeugenden Quartalszahlen konnten sich dem Trend entziehen. AppLovin stieg nach starken Zahlen um mehr als 20 Prozent.
Was Trader jetzt im Blick behalten sollten
US-Arbeitsmarktbericht: Am Freitag, 6. November, um 14:30 Uhr MEZ veröffentlicht das US-Arbeitsministerium den Arbeitsmarktbericht für Oktober. In einem nervösen Umfeld kann eine Überraschung in beide Richtungen starke Ausschläge auslösen. Den Termin und weitere Daten finden Sie im Wirtschaftskalender.
Quartalszahlen: Nachbörslich legten Cloudflare und Airbnb nach starken Zahlen deutlich zu. Am Freitag folgen unter anderem Moderna, Humana und Charter Communications. Die Termine stehen im Quartalszahlen-Kalender.
Volatilität: Mit einem VIX über 28 sind die Schwankungen deutlich erhöht. Wer mit Hebelprodukten wie CFDs auf Indizes oder Einzelaktien handelt, sollte Positionsgrößen und Stop-Loss-Abstände an die höhere Schwankungsbreite anpassen, denn der Hebel verstärkt Gewinne wie Verluste.








